Christian Ebner ist Dipl.-Ing. und auf Organisationsforensik spezialisiert. Er untersucht, warum Probleme in Organisationen trotz wiederholter Maßnahmen zurückkehren, und macht ihre strukturellen Ursachen sichtbar.
Ein Problem wird besprochen. Zuständigkeiten werden geklärt. Maßnahmen werden vereinbart. Für einige Zeit verbessert sich die Situation. Dann kehren dieselben Schwierigkeiten unter leicht veränderten Vorzeichen zurück.
Entscheidungen dauern erneut zu lange. Informationen erreichen die Beteiligten zu spät. Zwischen Bereichen entstehen die bekannten Spannungen. Führungskräfte müssen nachfassen, vermitteln und operative Probleme auffangen. Schließlich landet das Thema wieder bei der Geschäftsführung.
Mit 23 Jahren habe ich erstmals Verantwortung für rund 130 Mitarbeitende und mehrere Organisationsbereiche übernommen.
Sehr früh habe ich dadurch erlebt, dass Führung nicht nur darin besteht, Entscheidungen zu treffen. Sie beginnt oft dort, wo Orientierung fehlt, Zuständigkeiten nicht eindeutig sind oder unterschiedliche Interessen zusammengebracht werden müssen.
Mehr als 15 Jahre Einsatzleitung haben diesen Blick weiter geprägt. Unter Zeitdruck und mit unvollständigen Informationen zeigt sich sehr unmittelbar, ob Verantwortung, Entscheidungswege und Zusammenarbeit tatsächlich funktionieren. Später kamen komplexe Projekte mit einem Volumen von bis zu 110 Millionen Euro hinzu.
Dort wurde für mich besonders sichtbar, wie schnell einzelne Unklarheiten große Folgewirkungen entwickeln können und wie stark Führung beginnt, organisatorische Defizite durch persönlichen Einsatz auszugleichen.
Eine leistungsfähige Organisation sollte nicht davon abhängig sein, dass einzelne Menschen dauerhaft auffangen, nachsteuern und eskalieren, was strukturell nicht zuverlässig funktioniert.
Viele wiederkehrende Probleme entstehen nicht deshalb, weil Menschen offensichtlich falsch handeln. Sie entstehen dort, wo Zuständigkeiten, Entscheidungen, Abhängigkeiten und Zusammenarbeit so ineinandergreifen, dass aus der jeweiligen Einzelperspektive vernünftige Entscheidungen im Gesamtzusammenhang trotzdem nicht funktionieren.
Genau diese Situationen kenne ich aus eigener Führungs- und Projektverantwortung. Mich interessiert, was dabei übersehen wird und warum das Thema trotz nachvollziehbarer Entscheidungen und engagierter Beteiligter immer wieder auftaucht.
Eine Beobachtung aus über 15 Jahren Führungserfahrung
„Organisationen gewöhnen sich erstaunlich schnell daran, dass engagierte Menschen auffangen, was strukturell nicht zuverlässig funktioniert.“
Verstehen, bevor gehandelt wird
Nicht jede Auffälligkeit braucht sofort eine neue Maßnahme. Bevor etwas verändert wird, möchte ich verstehen, was tatsächlich passiert, unter welchen Bedingungen das Problem entsteht und warum bisherige Lösungen nicht dauerhaft gegriffen haben.
Ursache statt nächster Maßnahme
Gespräche, Workshops oder Trainings können sinnvoll sein. Aber nur dann, wenn sie auf die Ursache des Problems wirken. Entscheidend ist nicht, was naheliegt, sondern was das Problem tatsächlich entstehen lãsst.
So viel Analyse wie nötig
Nicht jede Auffälligkeit braucht sofort eine neue Maßnahme. Bevor etwas verändert wird, möchte ich verstehen, was tatsächlich passiert, unter welchen Bedingungen das Problem entsteht und warum bisherige Lösungen nicht dauerhaft gegriffen haben.
Wenn vergleichbare Probleme trotz unterschiedlicher Beteiligter immer wieder auftreten, spricht vieles dafür, dass die Ursache nicht allein bei einzelnen Personen liegt.
Menschen wechseln. Zuständigkeiten verändern sich. Führungskräfte greifen unterschiedlich ein. Trotzdem zeigt sich oft dasselbe Muster erneut: Entscheidungen verzögern sich, Abstimmungen laufen ins Leere, Verantwortung bleibt unklar oder Probleme werden immer wieder an dieselben Stellen eskaliert.
Dann reicht die Frage „Wer hat sich falsch verhalten?“ nicht mehr aus.
Entscheidender ist: Welche organisatorischen Bedingungen führen dazu, dass ähnliche Probleme immer wieder entstehen?
Das können unklare Verantwortlichkeiten sein, widersprüchliche Ziele, ungünstig gestaltete Schnittstellen, fehlende Entscheidungsregeln oder Abläufe, die aus Sicht einzelner Bereiche sinnvoll erscheinen, im Gesamtzusammenhang aber Reibung erzeugen.
Erst wenn diese Bedingungen verstanden sind, lässt sich sinnvoll beurteilen, welchen Anteil individuelles Verhalten tatsächlich hat – und ob eine Veränderung bei Personen überhaupt der richtige Ansatzpunkt ist.
Denn wenn die Struktur dasselbe Verhalten immer wieder begünstigt, reicht es nicht, nur die handelnden Personen zu verändern.
Ich werde Ihnen nicht nach dem ersten Gespräch erklären, dass ich die Ursache bereits kenne. Ich werde keine umfangreiche Untersuchung empfehlen, wenn eine einfache Klärung ausreicht. Und ich werde keine Maßnahme vorschlagen, nur weil sie grundsätzlich sinnvoll klingt.
Mein Anspruch ist, Zusammenhänge so weit zu verstehen, dass nachvollziehbar wird:
Dabei geht es nicht darum, eine möglichst umfangreiche Analyse zu produzieren.
Es geht darum, genügend Klarheit zu schaffen, um die richtige Entscheidung treffen zu können.
Sie müssen die Ursache noch nicht kennen. Ein konkretes Problem, das trotz Gesprächen oder Maßnahmen zurückkehrt, reicht für eine erste Einordnung. Gemeinsam können wir klären, ob sich ein genauerer Blick auf die organisatorischen Ursachen lohnt.
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