Fallanalyse von Christian Ebner, Dipl.-Ing.
Organisationsforensik · Wiederkehrende Probleme dauerhaft lösen.
Eine neue interne Regelung sollte eingeführt, ein Arbeitsablauf verändert oder eine Zuständigkeit neu geordnet werden. Inhaltlich waren viele dieser Entscheidungen überschaubar. Trotzdem dauerte es regelmäßig Monate, bis eine verbindliche Entscheidung vorlag.
Ein erster Entwurf wurde im zuständigen Bereich erstellt und anschließend an weitere Fachbereiche, Führungskräfte und beteiligte Stellen gegeben. Die Rückmeldungen waren einzeln meist nachvollziehbar: Ein Bereich sah Auswirkungen auf seine Abläufe, ein anderer wollte eine Formulierung geändert haben, eine weitere Stelle bat um zusätzliche Prüfung.
Der Entwurf wurde angepasst und erneut verteilt. Durch die Änderungen entstanden neue Fragen. Weitere Beteiligte kamen hinzu. Bereits abgestimmte Punkte wurden erneut geöffnet, weil nicht eindeutig war, welche Rückmeldung lediglich beraten, welche zwingend berücksichtigt und welche abschließend entschieden werden musste.
Für die Führungskräfte entstand erheblicher Koordinationsaufwand. Sie bereiteten Besprechungen vor, führten Einzelgespräche, arbeiteten Stellungnahmen ein und versuchten, unterschiedliche Interessen zusammenzuführen. Trotzdem blieb die entscheidende Frage häufig unbeantwortet: Wer darf den Vorgang jetzt verbindlich abschließen?
Um spätere Einwände zu vermeiden, wurde die Beteiligung vorsorglich ausgeweitet. Zustimmung von möglichst vielen Beteiligten erschien sicherer als eine Entscheidung, die einzelne Interessen nicht vollständig berücksichtigte. Mit jeder zusätzlichen Beteiligung stieg jedoch auch die Zahl möglicher Rückfragen und Änderungswünsche.
Damit entstand ein für Geschäftsführung und Führungskräfte besonders belastendes Muster: Es wurde viel gearbeitet, aber wenig abgeschlossen. Veränderungsvorhaben standen über lange Zeit „in Abstimmung“. Führungskapazität floss in Koordination statt in Umsetzung. Gleichzeitig warteten Mitarbeitende auf Entscheidungen, während bestehende Probleme weiterliefen.
Je länger eine Abstimmung dauerte, desto größer wurde zudem der Druck, einen möglichst konfliktarmen Kompromiss zu finden. Lösungen wurden verändert, abgeschwächt oder mit zusätzlichen Ausnahmen versehen. Am Ende lag zwar häufig ein breit abgestimmtes Ergebnis vor – die ursprünglich beabsichtigte Veränderung war jedoch teilweise deutlich kleiner geworden.
Die Analyse legte die Muster offen, durch die das Problem immer wieder entstand und bisher nicht dauerhaft gelöst werden konnte.
Die folgenden Auffälligkeiten zeigten sich wiederholt im Tagesgeschäft. Sie beschreiben das sichtbare Problem, noch nicht seine Ursache.
Die Organisation hatte kein grundsätzliches Problem mit Beteiligung. Bei Veränderungen mussten betroffene Bereiche einbezogen, Fachwissen genutzt und unterschiedliche Auswirkungen berücksichtigt werden. Die Schwachstelle lag darin, dass unterschiedliche Formen der Beteiligung organisatorisch nicht ausreichend voneinander getrennt waren.
Wer lediglich informiert werden sollte, wer fachlich beraten musste, wer aufgrund formaler Vorgaben beteiligt war und wer die abschließende Entscheidung treffen durfte, war bei vielen wiederkehrenden Vorgängen nicht eindeutig geregelt.
Dadurch veränderte sich die praktische Bedeutung einer Rückmeldung. Aus Beratung wurde faktisch Mitentscheidung. Ein Einwand führte nicht automatisch zu einer Abwägung durch die zuständige Stelle, sondern häufig zu einer Überarbeitung und einer weiteren Abstimmung.
Für die verantwortlichen Führungskräfte war dieses Verhalten nachvollziehbar. Eine breite Abstimmung verringerte das Risiko, später mit übersehenen Interessen, Kritik oder Widerständen konfrontiert zu werden. Je unklarer das eigene Entscheidungsmandat war, desto attraktiver wurde zusätzliche Zustimmung.
So entstand ein selbstverstärkender Mechanismus: Weil Entscheidungen schwer abschließbar waren, wurden mehr Personen beteiligt. Je mehr Personen beteiligt waren, desto mehr Interessen und Rückmeldungen mussten verarbeitet werden. Dadurch wurde die Entscheidung wiederum schwerer abschließbar.
Gleichzeitig fehlte häufig ein definierter Zeitpunkt, an dem die Beratung endete. Solange neue Rückmeldungen möglich waren, konnte ein Vorgang immer wieder in die Abstimmung zurückfallen. Die Organisation optimierte damit unbewusst auf Absicherung statt auf Entscheidungsfähigkeit.
Das Problem bestand deshalb nicht darin, dass zu viel miteinander gesprochen wurde. Es fehlte eine verbindliche Entscheidungsarchitektur: Wer muss bei welchem Entscheidungstyp informiert, angehört oder beteiligt werden? Wer entscheidet? Bis wann müssen Rückmeldungen vorliegen? Und wann gilt eine Beratung als abgeschlossen?
Die Ursachen-Wirkungs-Kette zeigt, wie strukturelle Ursachen, Mechanismen und Kompensationen ineinandergriffen und das sichtbare Problem aufrechterhielten.
Der Lösungsansatz bestand nicht darin, Beteiligung pauschal zu reduzieren. Fachwissen, Betroffenheit und formale Beteiligungsrechte mussten weiterhin berücksichtigt werden. Verändert wurde stattdessen die Entscheidungsarchitektur.
Für wiederkehrende Entscheidungstypen wurde zunächst festgelegt, welche Rolle einzelne Beteiligte tatsächlich haben. Manche Stellen benötigen lediglich Informationen. Andere müssen fachlich beraten. Bestimmte Funktionen oder Gremien sind verbindlich zu beteiligen. Die abschließende Entscheidung liegt jedoch bei einer eindeutig benannten Funktion oder Ebene.
Damit wurde auch geklärt, was mit unterschiedlichen Rückmeldungen geschieht. Ein Einwand musste nicht automatisch zu einer weiteren Konsensrunde führen. Die entscheidungsbefugte Stelle erhielt die relevanten Positionen, bewertete ihre Auswirkungen und traf anschließend die Entscheidung innerhalb ihres Mandats.
Für Rückmeldungen wurden verbindliche Zeitfenster festgelegt. Beteiligte wussten damit, bis wann ihre Einschätzung benötigt wurde. Nach Ablauf der Beteiligungsphase wechselte der Vorgang bewusst von der Beratung in die Entscheidung.
Gleichzeitig wurden Entscheidungstypen nach ihrer Tragweite unterschieden. Grundsatzentscheidungen und Veränderungen mit weitreichenden Auswirkungen konnten weiterhin eine breite Beteiligung erfordern. Überschaubare operative oder organisatorische Änderungen mussten dagegen nicht dieselbe Abstimmungsarchitektur durchlaufen.
Wichtig war zudem der Schutz bereits getroffener Entscheidungen. Eine Entscheidung innerhalb des festgelegten Mandats wurde nicht allein deshalb wieder geöffnet, weil nachträglich eine abweichende Präferenz geäußert wurde. Dafür war ein neuer relevanter Sachverhalt erforderlich.
So wurde Beteiligung nicht abgeschafft, sondern präziser organisiert. Entscheidend war nicht mehr, ob alle zustimmten, sondern ob die erforderlichen Perspektiven berücksichtigt wurden und die zuständige Stelle anschließend verbindlich entscheiden konnte.
Die folgenden Schritte zeigen, wie die Interventionen in klare Zuständigkeiten, verbindliche Abläufe und belastbare Routinen überführt wurden.
Der Vergleich zeigt, welche Bedingungen das Problem zuvor aufrechterhielten und welche Veränderungen durch die Intervention im Arbeitsalltag sichtbar wurden.
Die folgenden Kennzahlen ergänzen die qualitativen Beobachtungen und machen Umfang, Zeitraum und Datengrundlage der Ergebnisse nachvollziehbar.
Die qualitativen Ergebnisse zeigen, wie sich Abläufe, Entscheidungen und Zusammenarbeit nach der Intervention entwickelten.
Die folgenden Ansätze hätten das sichtbare Problem möglicherweise abgeschwächt. Die strukturellen Bedingungen, die seine Wiederholung begünstigten, wären dadurch jedoch nicht ausreichend verändert worden.
Diese Fälle zeigen, wie vergleichbare Probleme an anderen Stellen entstehen und welche strukturellen Veränderungen Wirkung gezeigt haben.
Jedes Fallbeispiel zeigt, warum bisherige Maßnahmen nicht dauerhaft wirkten, welche strukturellen Ursachen das Problem aufrechterhielten und wie es dauerhaft gelöst wurde.
Wenn ein Problem trotz wiederholter Maßnahmen zurückkehrt, lohnt sich der Blick auf die strukturelle Ursache. In einem ersten Gespräch ordnen wir ein, wodurch die Wiederholung wahrscheinlich entsteht und ob eine vertiefte Analyse sinnvoll ist.
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