Fallanalyse von Christian Ebner, Dipl.-Ing.
Organisationsforensik · Wiederkehrende Probleme dauerhaft lösen.
Im Arbeitsalltag zeigt sich immer wieder dasselbe Muster: Sobald ein Vorgang kompliziert wird, mehrere Bereiche beteiligt sind oder eine schnelle Entscheidung erforderlich ist, werden bestimmte erfahrene Mitarbeitende hinzugezogen.
Bei Kundenreklamationen, ungewöhnlichen technischen Fragestellungen, kurzfristigen Freigaben oder anderen anspruchsvollen Vorgängen sind es häufig dieselben zwei oder drei Personen, auf die zurückgegriffen wird. Sie kennen die Vorgeschichte, wissen, welche Ansprechpartner einbezogen werden müssen, und können viele Fragen ohne lange Einarbeitung beantworten. Wenn es schnell gehen muss, funktioniert dieses Vorgehen zunächst gut.
Entsprechend sieht der Arbeitsalltag dieser Mitarbeitenden aus. Neben ihren eigenen Aufgaben bearbeiten sie Rückfragen aus anderen Bereichen, unterstützen Kollegen bei schwierigen Vorgängen und werden hinzugezogen, obwohl sie für deren Bearbeitung formal nicht verantwortlich sind. Typische Fragen lauten: „Kannst du da kurz draufschauen?“ oder „Weißt du noch, wie wir das beim letzten Mal gelöst haben?“
Aus einer kurzen Rückfrage werden schnell zwanzig Minuten. Aus einer fachlichen Einschätzung wird Unterstützung bei der weiteren Bearbeitung. Und aus der Unterstützung wird nicht selten die vollständige Übernahme des Vorgangs. Die eigenen Aufgaben bleiben währenddessen liegen und müssen später nachgearbeitet werden.
Auch Führungskräfte greifen immer wieder auf diese Personen zurück. Bei hohem Zeitdruck erscheint es sinnvoll, einen kritischen Vorgang an jemanden zu geben, der ihn schnell und zuverlässig bearbeiten kann. Weniger erfahrene Mitarbeitende müssten sich zunächst einarbeiten, benötigen möglicherweise Unterstützung und brauchen länger. So landen gerade anspruchsvolle und dringende Aufgaben immer wieder bei denselben Personen.
Die Auswirkungen werden vor allem in der Summe sichtbar. Die erfahrensten Mitarbeitenden haben volle Kalender und wachsende Aufgabenlisten. Vor Abwesenheiten entstehen umfangreiche Übergaben. Während Urlaub oder Krankheit bleiben bestimmte Vorgänge liegen oder müssen mit zusätzlichem Aufwand von anderen übernommen werden. Nach der Rückkehr warten Themen, die zwischenzeitlich nicht abschließend bearbeitet werden konnten.
So entwickelt sich aus einer zunächst pragmatischen Arbeitsteilung schrittweise eine Abhängigkeit von einzelnen Personen. Wissen, Erfahrung und Problemlösungskompetenz konzentrieren sich auf wenige Mitarbeitende und genau diese werden dadurch immer häufiger gebraucht.
Die Analyse legte die Muster offen, durch die das Problem immer wieder entstand und bisher nicht dauerhaft gelöst werden konnte.
Die folgenden Auffälligkeiten zeigten sich wiederholt im Tagesgeschäft. Sie beschreiben das sichtbare Problem, noch nicht seine Ursache.
Auf den ersten Blick schien die Ursache einfach: Einige Mitarbeitende hatten zu viel Arbeit. Eine reine Kapazitätsbetrachtung erklärte jedoch nicht, warum ausgerechnet dieselben Personen immer wieder an ihre Grenzen kamen.
Entscheidend war die Verteilungslogik.
Bei planbaren Standardaufgaben funktionierten Rollen und Zuständigkeiten weitgehend. Sobald Unsicherheit hinzukam, wechselte die Organisation jedoch von einer rollenbasierten zu einer personenbezogenen Steuerung. Die Aufgabe ging an die Person, der man die höchste Bearbeitungssicherheit zutraute.
Für einen einzelnen kritischen Vorgang war das nachvollziehbar. Eine Führungskraft, die heute eine belastbare Lösung benötigt, entscheidet sich verständlicherweise für denjenigen, der das Thema beherrscht.
Problematisch wurde die Summe dieser Einzelentscheidungen.
Jeder erfolgreich übernommene Sonderfall bestätigte die bestehende Einschätzung: Diese Person kann das. Beim nächsten Fall wurde sie deshalb noch früher einbezogen. Gleichzeitig fehlte anderen Mitarbeitenden genau die Erfahrung, die erforderlich gewesen wäre, um künftig selbst sicher entscheiden zu können.
Die Organisation produzierte ihre Expertenabhängigkeit damit teilweise selbst.
Hinzu kam ein zweiter Mechanismus. Unterstützung war nicht sauber von Verantwortung getrennt. Wer fachlich um Rat gefragt wurde, bekam häufig den gesamten Vorgang. Damit wurde die erfahrene Person nicht nur Wissensgeber, sondern zusätzlich Bearbeiter.
Auch die Kapazitätswirkung blieb weitgehend unsichtbar. Eine einzelne Rückfrage dauerte vielleicht nur zehn Minuten. Ein Sonderfall schien zusätzlich noch machbar. Erst zehn solcher Unterbrechungen, mehrere kurzfristige Termine und drei übernommene Vorgänge machten aus einem produktiven Arbeitstag einen Tag, an dem die eigene Arbeit kaum vorankam.
Das Problem lag deshalb nicht primär darin, dass die Betroffenen schlecht priorisierten oder nicht Nein sagen konnten. Die Organisation hatte einen Mechanismus geschaffen, in dem hohe persönliche Verlässlichkeit automatisch zu zusätzlicher Nachfrage nach genau dieser Person führte.
Solange dieser Mechanismus bestehen blieb, konnte selbst zusätzliche Kapazität das Problem nur begrenzt lösen.
Die Ursachen-Wirkungs-Kette zeigt, wie strukturelle Ursachen, Mechanismen und Kompensationen ineinandergriffen und das sichtbare Problem aufrechterhielten.
Der Ansatz bestand nicht darin, Leistungsträger künstlich aus schwierigen Themen herauszuhalten. Bei bestimmten Risiken und Entscheidungen blieb ihre Erfahrung notwendig.
Zuerst musste deshalb geklärt werden, wofür tatsächlich Expertenwissen erforderlich war.
Eine Reihe von Aufgaben, die regelmäßig bei denselben Personen landeten, erwies sich nicht als echte Expertenarbeit. Teilweise fehlte anderen lediglich Erfahrung. Teilweise waren die Entscheidungsgrenzen unklar. Und teilweise hatte sich schlicht eingebürgert, bei bestimmten Themen sofort eine bestimmte Person anzurufen.
Die Vorgänge wurden deshalb nach ihrem tatsächlichen Risiko unterschieden.
Ein Teil konnte vollständig von weiteren Mitarbeitenden übernommen werden. Bei anderen blieb die Bearbeitung bei ihnen, während ein Experte lediglich an einem definierten Punkt prüfte oder beriet. Nur bei wenigen Aufgaben war eine vollständige Übernahme durch die erfahrenste Person erforderlich.
Damit änderte sich auch die Bedeutung einer fachlichen Rückfrage.
„Kannst du kurz draufschauen?“ führte nicht mehr automatisch zu „Gib her, ich mache das“. Derjenige, der den Vorgang begonnen hatte, blieb grundsätzlich verantwortlich. Der Experte half bei der konkreten Unsicherheit und gab den Vorgang anschließend zurück.
Parallel wurde die Arbeitslast sichtbar gemacht. Eine neue kritische Aufgabe durfte nicht mehr einfach zusätzlich auf einen bereits vollen Schreibtisch gelegt werden. Wenn ein Leistungsträger tatsächlich einen dringenden Sonderfall übernehmen musste, wurde gleichzeitig entschieden, was dafür warten oder anders verteilt werden konnte.
Der vielleicht wichtigste Hebel lag jedoch im Umgang mit Entwicklung.
Kompetenz sollte nicht erst vorhanden sein, bevor jemand eine anspruchsvollere Aufgabe erhielt. Bestimmte Aufgaben wurden bewusst so ausgewählt, dass Mitarbeitende an ihnen Erfahrung aufbauen konnten, ohne unvertretbare Risiken einzugehen.
Dadurch wurde aus dem vermeintlichen Gegensatz zwischen Qualität und Entlastung ein steuerbarer Lernprozess: Risiken blieben abgesichert, aber Erfahrung konnte sich auf mehr Personen verteilen.
Die folgenden Schritte zeigen, wie die Interventionen in klare Zuständigkeiten, verbindliche Abläufe und belastbare Routinen überführt wurden.
Der Vergleich zeigt, welche Bedingungen das Problem zuvor aufrechterhielten und welche Veränderungen durch die Intervention im Arbeitsalltag sichtbar wurden.
Die folgenden Kennzahlen ergänzen die qualitativen Beobachtungen und machen Umfang, Zeitraum und Datengrundlage der Ergebnisse nachvollziehbar.
Die qualitativen Ergebnisse zeigen, wie sich Abläufe, Entscheidungen und Zusammenarbeit nach der Intervention entwickelten.
Die folgenden Ansätze hätten das sichtbare Problem möglicherweise abgeschwächt. Die strukturellen Bedingungen, die seine Wiederholung begünstigten, wären dadurch jedoch nicht ausreichend verändert worden.
Diese Fälle zeigen, wie vergleichbare Probleme an anderen Stellen entstehen und welche strukturellen Veränderungen Wirkung gezeigt haben.
Jedes Fallbeispiel zeigt, warum bisherige Maßnahmen nicht dauerhaft wirkten, welche strukturellen Ursachen das Problem aufrechterhielten und wie es dauerhaft gelöst wurde.
Wenn ein Problem trotz wiederholter Maßnahmen zurückkehrt, lohnt sich der Blick auf die strukturelle Ursache. In einem ersten Gespräch ordnen wir ein, wodurch die Wiederholung wahrscheinlich entsteht und ob eine vertiefte Analyse sinnvoll ist.
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