Fallanalyse von Christian Ebner, Dipl.-Ing.
Organisationsforensik · Wiederkehrende Probleme dauerhaft lösen.
Im Unternehmen waren die Bearbeitungszeiten vieler interner Vorgänge über Jahre gestiegen. Bestellungen, Vertragsänderungen, Rechnungsfreigaben, Stammdatenänderungen und personelle Standardvorgänge benötigten mehrere Prüfungen, Rückfragen und Freigaben.
Die einzelnen Schritte waren nicht ohne Grund entstanden. Nach einem Fehler wurde ein zusätzliches Pflichtfeld eingeführt. Eine Beschwerde führte zu einer weiteren Kontrolle. Nach einer fehlerhaften Freigabe musste künftig eine zweite Führungskraft gegenzeichnen. Was zunächst Sicherheit schaffen sollte, wurde anschließend fester Bestandteil des normalen Ablaufs.
Eine spätere Überprüfung fand kaum statt. Niemand klärte verbindlich, ob das ursprüngliche Risiko noch bestand, inzwischen bereits an anderer Stelle abgesichert wurde oder die zusätzliche Kontrolle überhaupt weitere Fehler verhinderte.
So entstanden Abläufe, in denen derselbe Sachverhalt mehrfach dokumentiert und von mehreren Personen geprüft wurde. Häufig bestätigte die nächste Stelle lediglich, was zuvor bereits vollständig geprüft worden war. Für die Mitarbeitenden war dabei nicht immer erkennbar, worauf sich die jeweilige Prüfung beschränken sollte.
Die Folgen waren im Tagesgeschäft deutlich spürbar. Vorgänge warteten in persönlichen Postfächern, digitalen Freigabelisten oder auf Rückmeldungen aus anderen Bereichen. Mitarbeitende mussten nachfragen, Führungskräfte erinnerten an offene Freigaben und dringende Fälle wurden außerhalb des vorgesehenen Prozesses beschleunigt.
Für Kunden, Lieferanten und interne Auftraggeber war schwer nachvollziehbar, warum einfache Anliegen so lange dauerten. Rückfragen nahmen zu, zugesagte Termine konnten nicht zuverlässig eingehalten werden und Fachbereiche planten mit Bearbeitungszeiten, die deutlich über dem eigentlichen Arbeitsaufwand lagen.
Auch für die Geschäftsführung wurde das Problem zunehmend kritisch. Die Organisation arbeitete sichtbar an ihrer Kapazitätsgrenze, obwohl ein erheblicher Teil der verfügbaren Zeit nicht in die fachliche Bearbeitung, sondern in Dokumentation, Weiterleitung, Kontrolle und Nachverfolgung floss.
Trotzdem ließ sich kaum ein einzelner Schritt streichen. Jede Kontrolle hatte irgendwann einen nachvollziehbaren Anlass gehabt. Wer sie infrage stellte, musste begründen, warum das damit verbundene Risiko künftig vertretbar sein sollte. Wer sie unverändert fortführte, musste dagegen nur den zusätzlichen Zeitaufwand hinnehmen.
Damit entstand ein typisches Muster gewachsener Bürokratie: Das Hinzufügen einer Kontrolle war möglich, ihre spätere Entfernung organisatorisch jedoch nicht vorgesehen.
Die Analyse legte die Muster offen, durch die das Problem immer wieder entstand und bisher nicht dauerhaft gelöst werden konnte.
Die folgenden Auffälligkeiten zeigten sich wiederholt im Tagesgeschäft. Sie beschreiben das sichtbare Problem, noch nicht seine Ursache.
Das Unternehmen hatte kein grundsätzliches Problem mit Kontrolle. In vielen Abläufen waren Prüfungen notwendig, um rechtliche, finanzielle, qualitative oder sicherheitsbezogene Risiken zu begrenzen.
Die Schwachstelle lag in der Steuerung des gesamten Kontrollsystems. Für die Einführung zusätzlicher Sicherungen gab es jeweils einen konkreten Anlass. Für ihre spätere Überprüfung fehlten jedoch feste Zuständigkeiten, nachvollziehbare Kriterien und verbindliche Termine.
Dadurch wurde jede Kontrolle für sich betrachtet. Ob sich mehrere Prüfungen überschnitten, ein Risiko inzwischen bereits an anderer Stelle abgesichert wurde oder der Aufwand noch im Verhältnis zur Schutzwirkung stand, blieb weitgehend unbeantwortet.
Hinzu kam, dass Standardfälle und risikoreiche Ausnahmen häufig denselben Prozess durchliefen. Ein Vorgang mit geringem finanziellen Umfang benötigte dieselben Freigaben wie eine Entscheidung mit erheblichen Auswirkungen. Eine unauffällige Stammdatenänderung wurde ähnlich behandelt wie ein begründeter Sonderfall.
Für Mitarbeitende und Führungskräfte war es nachvollziehbar, bestehende Kontrollen weiterzuführen. Wer einen Prüfschritt ausließ, musste einen möglichen Fehler rechtfertigen. Wer ihn beibehielt, verursachte lediglich zusätzliche Bearbeitungszeit, die sich auf viele Vorgänge und Beteiligte verteilte.
So entstand eine strukturelle Einseitigkeit: Der mögliche Nutzen zusätzlicher Sicherheit war sichtbar. Die Kosten der Kontrolle erschienen dagegen nicht an einer Stelle, sondern verteilten sich über längere Durchlaufzeiten, häufigere Rückfragen, wachsende Rückstände und gebundene Führungskapazität.
Das Problem lag deshalb nicht in übertriebener Vorsicht einzelner Mitarbeitender. Es fehlte eine Kontrollarchitektur, die Prüfungen nach dem tatsächlichen Risiko unterscheidet und die Fortführung einer Kontrolle ebenso verbindlich begründet wie ihre Einführung.
Die Ursachen-Wirkungs-Kette zeigt, wie strukturelle Ursachen, Mechanismen und Kompensationen ineinandergriffen und das sichtbare Problem aufrechterhielten.
Der Lösungsansatz bestand nicht darin, Kontrollen pauschal abzuschaffen. Zunächst musste nachvollziehbar werden, welches Risiko jeder Prüf- und Freigabeschritt begrenzen sollte und ob er dieses Ziel tatsächlich erreichte.
Dazu wurden häufige Vorgänge nach Schadenspotenzial, Fehlerwahrscheinlichkeit, finanzieller Tragweite und Korrigierbarkeit unterschieden. Wiederkehrende Standardfälle mit begrenztem Risiko benötigten einen anderen Kontrollumfang als seltene, folgenschwere oder schwer korrigierbare Entscheidungen.
Anschließend wurden doppelte Prüfungen, mehrfach erfasste Angaben und historisch entstandene Freigaben untersucht. Eine Kontrolle blieb nur erhalten, wenn ihr Zweck eindeutig war, sie eine zusätzliche Erkenntnis lieferte und ihr Aufwand im Verhältnis zum abgesicherten Risiko stand.
Für notwendige Kontrollen wurden Verantwortung und Prüfumfang geklärt. Damit musste nicht mehr jede beteiligte Stelle denselben Sachverhalt vollständig kontrollieren. Eine Prüfung konzentrierte sich auf fachliche Richtigkeit, eine andere auf finanzielle oder rechtliche Auswirkungen.
Neue Kontrollen erhielten außerdem einen verantwortlichen Regelinhaber und einen verbindlichen Überprüfungstermin. Nach einer festgelegten Zeit musste entschieden werden, ob die Maßnahme wirksam war, angepasst werden musste oder wieder entfallen konnte.
Die folgenden Schritte zeigen, wie die Interventionen in klare Zuständigkeiten, verbindliche Abläufe und belastbare Routinen überführt wurden.
Der Vergleich zeigt, welche Bedingungen das Problem zuvor aufrechterhielten und welche Veränderungen durch die Intervention im Arbeitsalltag sichtbar wurden.
Die folgenden Kennzahlen ergänzen die qualitativen Beobachtungen und machen Umfang, Zeitraum und Datengrundlage der Ergebnisse nachvollziehbar.
Die qualitativen Ergebnisse zeigen, wie sich Abläufe, Entscheidungen und Zusammenarbeit nach der Intervention entwickelten.
Die folgenden Ansätze hätten das sichtbare Problem möglicherweise abgeschwächt. Die strukturellen Bedingungen, die seine Wiederholung begünstigten, wären dadurch jedoch nicht ausreichend verändert worden.
Diese Fälle zeigen, wie vergleichbare Probleme an anderen Stellen entstehen und welche strukturellen Veränderungen Wirkung gezeigt haben.
Jedes Fallbeispiel zeigt, warum bisherige Maßnahmen nicht dauerhaft wirkten, welche strukturellen Ursachen das Problem aufrechterhielten und wie es dauerhaft gelöst wurde.
Wenn ein Problem trotz wiederholter Maßnahmen zurückkehrt, lohnt sich der Blick auf die strukturelle Ursache. In einem ersten Gespräch ordnen wir ein, wodurch die Wiederholung wahrscheinlich entsteht und ob eine vertiefte Analyse sinnvoll ist.
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