Fallanalyse von Christian Ebner, Dipl.-Ing.
Organisationsforensik · Wiederkehrende Probleme dauerhaft lösen.
Eine Übergangslösung war ursprünglich eingeführt worden, weil kurzfristig gehandelt werden musste. Bis eine endgültige technische oder organisatorische Lösung verfügbar sein würde, führten Mitarbeitende eine zusätzliche Excel-Liste, übertrugen Informationen manuell und kontrollierten bestimmte Vorgänge in einem ergänzenden Arbeitsschritt.
Für den Moment war das sinnvoll. Der Betrieb konnte weiterlaufen und das akute Problem war gelöst.
Die endgültige Lösung kam jedoch nicht. Andere Themen wurden dringender, Ressourcen fehlten oder eine notwendige Entscheidung wurde verschoben. Weil das Provisorium weiterhin funktionierte, entstand zunächst kein unmittelbarer Handlungsdruck.
Aus einigen Monaten wurden Jahre.
Inzwischen war die Übergangslösung tief in den Arbeitsalltag eingebaut. Mitarbeitende wussten, welche Informationen zusätzlich in die Liste eingetragen werden mussten. Andere Bereiche warteten auf diese Daten. Arbeitsanweisungen beschrieben die zusätzlichen Kontrollen. Neue Mitarbeitende lernten den Sonderweg bereits während ihrer Einarbeitung.
Damit war etwas entstanden, das offiziell noch als Übergangslösung galt, praktisch aber längst Teil des regulären Prozesses war.
Für die Mitarbeitenden bedeutete das dauerhafte Doppelarbeit. Informationen wurden mehrfach erfasst, Daten zwischen Systemen übertragen, Listen abgeglichen und Abweichungen manuell kontrolliert. Wenn etwas nicht zusammenpasste, waren Rückfragen notwendig.
Jeder einzelne Zusatzschritt dauerte nicht lange. Gerade deshalb blieb sein Aufwand weitgehend unsichtbar. Er verteilte sich auf viele Mitarbeitende und viele Vorgänge.
Für Führungskräfte entstand ein anderes Problem: Die Ablösung des Provisoriums erschien inzwischen deutlich komplizierter als zum Zeitpunkt der Einführung. Weitere Abläufe waren vom Provisorium abhängig geworden. Eine Veränderung betraf nicht mehr nur eine Liste oder einen einzelnen Arbeitsschritt, sondern mehrere Schnittstellen, Zuständigkeiten und Arbeitsweisen.
Damit gewann im Tagesgeschäft immer wieder dieselbe Entscheidung: vorerst nichts verändern.
Das Provisorium blieb bestehen und erzeugte jeden Tag erneut den Aufwand, den eigentlich niemand mehr haben wollte.
Die Analyse legte die Muster offen, durch die das Problem immer wieder entstand und bisher nicht dauerhaft gelöst werden konnte.
Die folgenden Auffälligkeiten zeigten sich wiederholt im Tagesgeschäft. Sie beschreiben das sichtbare Problem, noch nicht seine Ursache.
Das Unternehmen hatte kein Problem damit, kurzfristig pragmatische Lösungen zu finden. Genau diese Fähigkeit hatte den Betrieb ursprünglich abgesichert.
Die Schwachstelle entstand danach.
Für die Einführung des Provisoriums gab es einen konkreten Anlass und klare Beteiligte. Für seine spätere Ablösung gab es dagegen weder einen verbindlichen Termin noch eine eindeutig zugeordnete Verantwortung.
Damit fehlte der Übergang vom Ausnahmezustand zurück in einen regulären Prozess.
Solange die Zwischenlösung funktionierte, war das zunächst kaum problematisch. Der zusätzliche Aufwand bestand aus vielen kleinen Tätigkeiten: Daten übertragen, Excel-Listen aktualisieren, Kontrollen durchführen, Abweichungen prüfen oder Rückfragen stellen. Diese Arbeit fiel verteilt über verschiedene Bereiche und Vorgänge an.
Dadurch blieb ein wesentlicher Teil der tatsächlichen Kosten unsichtbar.
Die Ablösung des Provisoriums verhielt sich genau umgekehrt. Sie hätte einen sichtbaren Aufwand ausgelöst: Zuständigkeiten klären, technische oder organisatorische Änderungen vorbereiten, Schnittstellen anpassen, Mitarbeitende informieren und gegebenenfalls bestehende Abläufe verändern.
Damit standen sich zwei unterschiedliche Kostenlogiken gegenüber: Die Kosten des Weiterführens fielen täglich an, blieben aber weitgehend unsichtbar. Die Kosten der Veränderung wären dagegen einmalig, gebündelt und sofort erkennbar gewesen.
Mit jedem weiteren Jahr verstärkte sich dieser Effekt. Andere Abläufe griffen auf die Zwischenlösung zurück. Mitarbeitende entwickelten Routinen. Arbeitsanweisungen wurden angepasst. Zusätzliche Kontrollen stabilisierten den Prozess.
Das Provisorium wurde dadurch zuverlässiger und gleichzeitig schwieriger abzulösen.
Die entscheidende strukturelle Schwachstelle war deshalb nicht die ursprüngliche Übergangslösung. Es fehlte ein verbindlicher Lebenszyklus für temporäre Lösungen: Wer überprüft sie? Wann geschieht das? Nach welchen Kriterien wird entschieden? Und wer darf verbindlich festlegen, ob sie beendet, verlängert oder bewusst zum Standard gemacht wird?
Ohne diese Regeln wurde Nichtentscheiden zur einfachsten Option.
Die Ursachen-Wirkungs-Kette zeigt, wie strukturelle Ursachen, Mechanismen und Kompensationen ineinandergriffen und das sichtbare Problem aufrechterhielten.
Der Lösungsansatz bestand nicht darin, sämtliche Übergangslösungen zu beseitigen. Provisorien sind notwendig, wenn Organisationen unter Zeitdruck handlungsfähig bleiben müssen. Manche erweisen sich später sogar als praktikable Dauerlösung.
Das Problem beginnt erst dann, wenn aus „vorübergehend“ unbemerkt „dauerhaft“ wird.
Deshalb wurden zunächst die Übergangslösungen betrachtet, die regelmäßig Arbeitszeit banden, mehrere Bereiche betrafen oder zusätzliche Kontrollen und Abstimmungen erforderlich machten.
Für diese Provisorien wurde nachvollzogen, warum sie ursprünglich eingeführt worden waren, welche Funktion sie heute erfüllten und welche zusätzlichen Arbeitsschritte inzwischen daraus entstanden.
Anschließend erhielt jede relevante Übergangslösung einen Verantwortlichen und einen verbindlichen Entscheidungstermin. Zusätzlich wurde festgelegt, anhand welcher Kriterien über ihre Zukunft entschieden werden sollte.
Damit gab es drei reguläre Möglichkeiten: Das Provisorium wird abgelöst. Es wird für einen definierten Zeitraum weitergeführt. Oder es hat sich bewährt und wird bewusst zu einem regulären Standard weiterentwickelt.
Entscheidend war, dass auch das Weiterführen eine aktive Entscheidung erforderte.
Damit änderte sich die bisherige Logik. Zuvor musste vor allem begründet werden, warum Zeit und Ressourcen in eine Veränderung investiert werden sollten. Nun musste ebenso nachvollziehbar sein, warum die Organisation die bestehende Doppelarbeit und die damit verbundenen Sonderprozesse weiterhin akzeptiert.
Für neue Übergangslösungen wurde diese Entscheidung bereits bei ihrer Einführung vorbereitet. Anlass, Verantwortlichkeit, erwartete Dauer, Überprüfungstermin und Ablösekriterien wurden von Anfang an festgehalten.
So blieb ein Provisorium auch organisatorisch als Provisorium erkennbar.
Die folgenden Schritte zeigen, wie die Interventionen in klare Zuständigkeiten, verbindliche Abläufe und belastbare Routinen überführt wurden.
Der Vergleich zeigt, welche Bedingungen das Problem zuvor aufrechterhielten und welche Veränderungen durch die Intervention im Arbeitsalltag sichtbar wurden.
Die folgenden Kennzahlen ergänzen die qualitativen Beobachtungen und machen Umfang, Zeitraum und Datengrundlage der Ergebnisse nachvollziehbar.
Die qualitativen Ergebnisse zeigen, wie sich Abläufe, Entscheidungen und Zusammenarbeit nach der Intervention entwickelten.
Die folgenden Ansätze hätten das sichtbare Problem möglicherweise abgeschwächt. Die strukturellen Bedingungen, die seine Wiederholung begünstigten, wären dadurch jedoch nicht ausreichend verändert worden.
Diese Fälle zeigen, wie vergleichbare Probleme an anderen Stellen entstehen und welche strukturellen Veränderungen Wirkung gezeigt haben.
Jedes Fallbeispiel zeigt, warum bisherige Maßnahmen nicht dauerhaft wirkten, welche strukturellen Ursachen das Problem aufrechterhielten und wie es dauerhaft gelöst wurde.
Wenn ein Problem trotz wiederholter Maßnahmen zurückkehrt, lohnt sich der Blick auf die strukturelle Ursache. In einem ersten Gespräch ordnen wir ein, wodurch die Wiederholung wahrscheinlich entsteht und ob eine vertiefte Analyse sinnvoll ist.
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